Wettbewerbsvorteil · Marge

Umsatz stabil, Kunden treu. Und die Marge ist trotzdem weg.

BCG hat aufgeschrieben, wie KI Unternehmen aushöhlt: Der Umsatz bleibt stehen, die Marge fließt ab. Die Analyse ist für Vorstand und Kapitalmarkt geschrieben. Nur liegen alle vier Beispiele, die BCG anführt, an derselben Stelle, nämlich dort, wo der Kunde ankommt.

Von Carsten Ratzlaff August 2026 7 Min. Lesezeit
Kurz gesagt

BCG nennt es Hollowing: Umsatz, Marktanteil und Kundenbindung sehen intakt aus, während Marge und Preissetzungsmacht abfließen. Die Beratung schreibt für Vorstände und Kapitalmarkt. Auffällig ist etwas anderes: Alle vier Beispiele, die BCG anführt, sind Angriffe auf die Kundenschnittstelle, keines auf die Produktion. Damit ist die Frage, wem die Kundenbeziehung gehört, keine CX-Wohlfühlfrage mehr. Sie ist eine Margenfrage. Und beantworten könnten sie zuerst die Leute im Service und im Vertrieb.

Es gibt Analysen, die stimmen, und trotzdem beim falschen Publikum landen. Die Boston Consulting Group hat am 13. August unter dem Titel „Who Will Win as AI Rewrites Competitive Advantage?“ beschrieben, wie künstliche Intelligenz gerade neu verteilt, wer in einer Branche das Geld behält. Der Text richtet sich an Vorstände und an den Kapitalmarkt, er spricht über Bewertungen, Investitionsvolumen und Aktionärsnarrative. Er ist gut. Und er ist an der wichtigsten Stelle unterbestimmt. Denn wenn man die Beispiele nebeneinanderlegt, die BCG selbst nennt, zeigen sie alle in dieselbe Richtung, und zwar nicht in die Fabrik, sondern zum Kunden.

Was BCG beschreibt

Der Ausgangspunkt ist eine Zahl, die vor allem eine Größenordnung markieren soll: Die Investitionen der großen Cloud-Anbieter liegen laut BCG auf Kurs für 750 Milliarden Dollar allein im Jahr 2026. Das ist eine Prognose, keine Bilanz, und BCG nennt dafür im Text keine Quelle. Aber die Richtung ist unstrittig, mehr als 65 Prozent der Unternehmen im S&P 500 sprechen inzwischen in ihren Quartalscalls über KI.

Interessanter als die Milliarden ist der Begriff, den BCG in die Mitte stellt. Hollowing, auf Deutsch am ehesten Aushöhlung. BCG schreibt: „Umsatz, Marktanteil und Kundenbindung können alle intakt aussehen, während die ökonomische Substanz, die Marge und die Preissetzungsmacht, abfließt.“ Das Muster ist immer dasselbe. Ein KI-nativer Angreifer nimmt sich nicht das ganze Geschäft, sondern die margenstärkste Schicht daraus. Was übrig bleibt, ist der Rest mit der dünnen Marge. Und der sieht in der Umsatzstatistik erst einmal völlig normal aus.

Dass das keine Theorie ist, zeigt BCG an der Softwarebranche. Die Neubewertung klassischer Enterprise-Software hat nach ihrer Schätzung rund zwei Billionen Dollar Marktwert gekostet, bei Anbietern, deren Abo-Burggräben lange als uneinnehmbar galten. Dazu liefert die Analyse ein Raster aus fünf Faktoren, das erklären soll, wo die Wertverteilung wie schnell kippt: wie leicht sich Tätigkeiten durch KI ersetzen lassen, wie konzentriert der Markt ist, wie verteidigbar die eigenen Daten sind, wie rechenintensiv das Geschäft wird und wie stark die Regulierung bremst.

750 Mrd. $
prognostizierte Investitionen der großen Cloud-Anbieter allein im Jahr 2026
70 bis 90 %
Werbemarge der Retail-Media-Plattform, während der Händler im niedrigen einstelligen Bereich arbeitet
2 Bio. $
geschätzter Marktwertverlust bei klassischer Enterprise-Software

Alle vier Beispiele liegen an derselben Stelle

Jetzt die Beobachtung, wegen der ich diesen Text schreibe. BCG belegt die Aushöhlung mit vier Fällen.

Chime hält die Kundenbeziehung und die Ökonomie des Zahlungsverkehrs, während die lizenzierte Bank im Hintergrund die Einlagen verwahrt. Retail-Media-Netzwerke ziehen laut BCG Werbemargen von 70 bis 90 Prozent, während der Händler selbst im niedrigen einstelligen Bereich arbeitet. Anbieter wie Sierra und Decagon rechnen im Kundenservice pro gelöstem Fall ab statt pro Arbeitsplatz. Und Augury optimiert die Verfügbarkeit von Maschinen und nimmt dem Hersteller damit die After-Sales-Marge weg, die ihm jahrzehntelang gehörte.

Vier Branchen, vier Geschäftsmodelle, ein gemeinsamer Nenner. Kein einziger dieser Angriffe zielt auf die Produktion. Keiner baut das bessere Produkt. Alle vier setzen genau dort an, wo der Kunde ankommt: beim Konto, beim Suchergebnis, beim Ticket, beim Serviceeinsatz. Sie besetzen die Schnittstelle und lassen dem Etablierten die Anlage, das Lager, die Bilanzsumme und die Werkstatt.

Übersetzen Sie das einmal in den deutschen B2B-Alltag, dann wird es schnell konkret. Der Ersatzteilverkauf, der früher über den eigenen Außendienst lief und heute über einen Marktplatz. Die technische Beratung vor dem Kauf, die früher das Argument für den höheren Preis war und die jetzt ein Assistent beim Kunden vorwegnimmt. Das Ausschreibungsportal, das entscheidet, in welcher Reihenfolge Ihr Angebot überhaupt gelesen wird. In keinem dieser Fälle verlieren Sie den Auftrag. Sie verlieren die Stelle, an der Sie Ihren Preis erklären konnten.

Das ändert die Frage, um die es eigentlich geht. Wem die Kundenbeziehung gehört, war zwanzig Jahre lang eine CX-Frage. Man hat sie mit Zufriedenheitswerten beantwortet und mit Net Promoter Scores, und wenn die Zahlen stimmten, war das Thema erledigt. Es ist keine CX-Frage mehr. Es ist die Frage, wo Ihre Marge in fünf Jahren verbucht wird.

Die Marge verlässt Ihr Unternehmen nicht über die Produktion. Sie verlässt es über die Kundenschnittstelle.

Carsten Ratzlaff

„Vertrauensbeziehung“ ist kein Burggraben

BCG sortiert die Wettbewerbsvorteile in belastbare und fragile. Fragil sind Wissen und Expertise, Bestandsdaten und operative Exzellenz. Belastbar sind physische Anlagen, laufend entstehende Daten, Netzwerkskala und Vertrauensbeziehungen.

Bei dem letzten Punkt würde ich widersprechen, jedenfalls so, wie ihn die meisten Leser verstehen werden. Denn genau das Chime-Beispiel, das BCG selbst anführt, zeigt das Gegenteil. Die Kunden von Chime vertrauen der App. Der Bank dahinter vertrauen sie nicht, sie kennen sie meistens nicht einmal. Die Vertrauensbeziehung existiert also, sie liegt nur auf der falschen Seite der Schnittstelle. Für die Bank ist sie wertlos.

Was daraus folgt, ist unbequem und lässt sich in einem Satz sagen: Zufriedenheit ist nicht Besitz. Eine Vertrauensbeziehung ist nur so belastbar wie der Zugang, den Sie tatsächlich kontrollieren. Wenn Ihr Kunde zufrieden ist, Sie ihn aber nur über einen Marktplatz erreichen, über ein Ausschreibungsportal, über einen Distributor oder ab nächstem Jahr über den Einkaufsagenten seines Unternehmens, dann besitzen Sie diese Beziehung nicht. Sie mieten sie. Und der Vermieter bestimmt irgendwann den Preis.

Warum das Controlling es zuletzt sieht

Aushöhlung hat eine hässliche Eigenschaft. Sie ist in genau den Kennzahlen unsichtbar, auf die Führungskräfte zuerst schauen. Der Umsatz steht. Die Kundenzahl steht. Die Abwanderung ist unauffällig. Erst zwei, drei Jahre später steht in der Deckungsbeitragsrechnung, dass die Arbeit dieselbe geblieben ist und das Geld weniger geworden ist.

Wer es früher sehen könnte, sitzt woanders. Im Service merkt man als Erstes, wenn sich der Kontaktmix verschiebt, wenn die einfachen Fälle verschwinden und nur die teuren übrig bleiben, weil jemand anders die einfachen vorher abgefangen hat. Im Vertrieb merkt man als Erstes, wenn die Preisdiskussion nicht mehr über Leistung geht, sondern über eine Vergleichsliste, die jemand anders erstellt hat. Im Marketing merkt man als Erstes, wenn die eigene Reichweite teurer wird, obwohl sich am Produkt nichts geändert hat.

Diese drei Beobachtungen liegen in jedem Unternehmen vor. Sie werden nur selten als das gelesen, was sie sind, nämlich als Frühindikator für eine Margenverschiebung. Sie gelten intern als operatives Grummeln. Das ist der eigentliche blinde Fleck, und er ist billiger zu beheben als jede Strategie: Fragen Sie die Leute, die täglich an der Schnittstelle sitzen, und nehmen Sie ihre Antwort als betriebswirtschaftliche Information ernst.

Was Sie diese Woche prüfen sollten

Drei Fragen, für die Sie keine Beratung und kein Datenprojekt brauchen. Eine Stunde mit den richtigen drei Leuten reicht.

1
Welche Schicht Ihrer Wertschöpfung trägt die höchste Marge, und wie viele Klicks liegt sie vom Kunden entfernt?
Serviceverträge, Ersatzteile, Beratung vor dem Kauf. Genau solche Schichten haben sich die vier Angreifer bei BCG genommen
2
Über wessen Oberfläche erreicht Sie Ihr wichtigster Kunde?
Ihre eigene, eine Plattform, ein Händler, ein Einkaufsportal. Und was passiert mit Ihrer Preissetzung, wenn dort eine Schicht dazwischentritt
3
Welche Daten entstehen bei Ihnen laufend, und wer wertet sie aus?
Maschinen, Tickets, Bestellungen. Wenn Sie damit nichts anfangen, tut es jemand anders und verkauft Ihnen das Ergebnis zurück

Wenn bei einer dieser Fragen im Raum betretenes Schweigen entsteht, ist das kein KI-Problem. Es ist ein Positionsproblem, und KI beschleunigt es nur.

Der Punkt, an dem ich anders sortiere als BCG

BCG schließt mit fünf Handlungsaufforderungen, darunter die Empfehlung, das eigene Aktionärsnarrativ zu formulieren, bevor es der Markt für Sie tut. Für ein börsennotiertes Unternehmen ist das richtig. Für den inhabergeführten Mittelständler mit 200 Leuten und ohne Kapitalmarkt ist es kein Rat, sondern Geräusch.

Übersetzt für diese Unternehmen heißt der Punkt: Sie brauchen kein Narrativ, Sie brauchen ein gemeinsames Bild davon, welche Schicht Ihres Geschäfts angreifbar ist und wer sie zuerst besetzen wird. Das ist keine Analyse für sechs Monate. Das ist eine Sitzung, in der Vertrieb, Marketing, Service und Geschäftsführung dieselben drei Fragen von oben beantworten und ihre Antworten nebeneinanderlegen. In den meisten Häusern kommen dabei drei verschiedene Bilder heraus. Genau das ist das Ergebnis, das Sie brauchen.

Wenn Sie dieses Gespräch sortiert führen wollen und einen Außenblick dabei hilfreich finden, nehmen wir uns dreißig Minuten. Im Orientierungsgespräch klären wir, wo Ihre margenstärkste Schicht liegt und wie nah ein KI-nativer Anbieter schon an sie herankommt. Kein Verkaufstermin, sondern eine Einordnung.

Quelle und Anstoß für diesen Artikel: „Who Will Win as AI Rewrites Competitive Advantage?“ von Jesper Nielsen, Rahul Khubchandani, James Tucker, Ketil Gjerstad, Gerry Hansell und Hans Roedahl auf bcg.com (13.08.2026). Die Einordnungen und Empfehlungen sind meine eigenen.

Dieser Text ist mit KI-Unterstützung entstanden. Recherche-Prüfung, Haltung, Beispiele und Endredaktion sind meine.

Das Wichtigste in Kürze

  • BCG beschreibt mit Hollowing ein Muster, bei dem Umsatz, Marktanteil und Kundenbindung stabil bleiben, während Marge und Preissetzungsmacht abfließen. In den üblichen Kennzahlen ist das jahrelang unsichtbar.
  • Alle vier Beispiele, die BCG dafür anführt, greifen die Kundenschnittstelle an, nicht die Produktion. Chime nimmt der Bank die Beziehung, Retail Media dem Händler die Werbemarge, Sierra und Decagon dem Service die Abrechnungslogik, Augury dem Maschinenbauer das After-Sales-Geschäft.
  • Eine Vertrauensbeziehung ist kein Burggraben, wenn der Zugang zum Kunden jemand anderem gehört. Zufriedenheit ist nicht Besitz.
  • Die Frühindikatoren liegen im Service, im Vertrieb und im Marketing: ein kippender Kontaktmix, Preisgespräche entlang fremder Vergleichslisten, teurer werdende eigene Reichweite. Sie werden meist als operatives Grummeln abgetan.
  • Drei Fragen reichen für den Anfang: Wo sitzt Ihre höchste Marge, über wessen Oberfläche erreicht Sie der Kunde, und wer wertet die Daten aus, die bei Ihnen laufend entstehen?
Carsten Ratzlaff, Berater für Customer Experience und AI
Über den Autor

Carsten Ratzlaff

Ich arbeite seit über 25 Jahren an der Schnittstelle von Kunde, Technologie und Veränderung: Customer Experience, CRM, Go-to-Market und seit einigen Jahren intensiv AI und Agentic AI. Mit Ratzlaff CX & AI Advisory begleite ich Entscheider in Management, Marketing, Vertrieb und Service dabei, aus dem Thema bessere Entscheidungen zu machen. Nicht die nächste Technologie, sondern Wirkung.

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Häufige Fragen

Wir sind nicht börsennotiert. Betrifft uns diese Analyse überhaupt?

Der Kapitalmarktteil nicht, der Rest schon. Marktwertverluste sind nur die sichtbare Anzeige für etwas, das im nicht börsennotierten Unternehmen genauso passiert, nur ohne Publikum. Wenn Ihnen jemand die margenstärkste Schicht abnimmt, merken Sie es an der Deckungsbeitragsrechnung statt am Kurs. Der Unterschied ist, dass Sie es später merken.

Woran erkenne ich, ob mein Geschäft gerade ausgehöhlt wird?

An der Lücke zwischen Umsatz und Deckungsbeitrag über mehrere Quartale, am Kontaktmix im Service und daran, ob Ihr Vertrieb über Leistung verhandelt oder über eine Vergleichsliste. Wenn der Umsatz hält, die Arbeit gleich bleibt und der Ertrag pro Vorgang sinkt, ist das das Muster.

Muss ich dafür jetzt eigene KI bauen?

Nein, und das ist meistens der falsche erste Schritt. Zuerst brauchen Sie Klarheit darüber, welche Schicht angreifbar ist und wem der Zugang zu Ihrem Kunden gehört. Ob die Antwort dann eigene Technik heißt, ein Partner oder schlicht ein anderer Vertriebsweg, entscheidet sich danach, nicht davor.

Was ist mit unseren jahrzehntelangen Kundenbeziehungen?

Die sind wertvoll, solange Sie den Zugang kontrollieren. Prüfen Sie ehrlich, über welchen Kanal der Kontakt tatsächlich läuft, und was passiert, wenn dort eine Schicht dazwischentritt, die Sie nicht besitzen. Der Kunde muss dafür nicht unzufrieden sein. Er muss nur einen bequemeren Weg finden.

Wissen Sie, welche Schicht Ihres Geschäfts angreifbar ist?

In dreißig Minuten sortieren wir, wo Ihre margenstärkste Schicht liegt, über wessen Oberfläche Ihr Kunde Sie erreicht und wie nah ein KI-nativer Anbieter schon daran ist.

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